DIE GROTTE EINES RÖMISCHEN KAISERS
Die römische Vergangenheit der Blauen Grotte: Tiberius und versunkene Statuen
Lange bevor Ausflugsboote und Ruderboote kamen, führte die Blaue Grotte ein römisches Leben – verbunden mit Kaiser Tiberius, Statuen, die von ihrem Grund geborgen wurden, und jahrhundertelanger lokaler Legendenbildung.
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Im Jahr 27 n. Chr. verließ der römische Kaiser Tiberius Rom in Richtung Capri und regierte das Reich von der Insel aus effektiv im letzten Jahrzehnt seiner Herrschaft – der Überlieferung nach kehrte er nie wieder auf das Festland zurück. Man sagt, er habe auf Capri ein Dutzend Villen errichten lassen, die prächtigste davon die Villa Jovis an den östlichen Klippen der Insel, deren Ruinen noch heute stehen. Ein Kaiser mit so viel Zeit, Reichtum und Privatsphäre auf einer kleinen Insel lenkte natürlich die Aufmerksamkeit auf die bemerkenswertesten Merkmale der Küste – und eine in Blau leuchtende Meeresgrotte an Capris Nordwestküste wäre schwer zu übersehen gewesen.
Eine private Schwimmgrotte für einen Kaiser
Der lokalen Überlieferung zufolge diente die Blaue Grotte einst als Nymphäum – eine private, halbheilige Schwimm- und Badegrotte – die über eine in den Fels gehauene Treppe und einen Gang mit den Klippenresidenzen des Tiberius verbunden war. Die römischen Baumeister liebten dramatische, halbnatürliche Baderäume, und eine leuchtende Meeresgrotte auf der kaiserlichen Insel entspricht genau diesem Geschmack. Noch heute werden in der Grotte ein möglicherweise antiker Anlegepunkt und gemeißelte Nischen für Statuen beschrieben, auch wenn das meiste, was sie einst schmückte, längst entfernt oder vom Meer verschlungen wurde.
Statuen, die 1964 auftauchten
1964 wurden aus dem Meeresgrund der Grotte eine Reihe römischer Marmorstatuen geborgen, darunter Figuren, die mit Poseidon und Triton identifiziert wurden – Meeresgottheiten, die perfekt zu einer Grotte passen, die einst zum Baden und für Kulthandlungen diente. Der Fund verlieh den alten Überlieferungen, die die Höhle mit der römischen Nutzung verbinden, echtes materielles Gewicht, statt sie lediglich als Spekulation auf Basis antiker Texte dastehen zu lassen. Die geborgenen Statuen werden heute im Museum Casa Rossa in Anacapri aufbewahrt, hoch oben auf der Klippe über der Grotte, und nicht mehr in der Höhle selbst – Besucher sehen heute eine leere Kaverne, deren römische Ausstattung an Land verbracht wurde.
Jahrhunderte der Angst, bevor es „wiederentdeckt“ wurde
In weiten Teilen der Zeit zwischen der Römerzeit und dem 19. Jahrhundert schien die Grotte dem allgemeinen Wissen entglitten zu sein und überlebte vor allem als lokaler Aberglaube – so sollen Capri-Fischer die Höhle gemieden haben, da sie sie eher mit Hexen und Meeresgeistern als mit Kaisern in Verbindung brachten. Ihre moderne Wiederentdeckung wird gemeinhin auf das Jahr 1826 datiert, als ein deutscher Schriftsteller und ein Capri-Fischer hineingepaddelt sein sollen und der Außenwelt davon berichteten, woraufhin sie rasch zu einer festen Station der Grand Tour wurde. Die Römer also entdeckten sie zuerst – Europa entdeckte sie gleich zweimal.
Warum heute so wenig von dieser Geschichte sichtbar ist
Wer in der Grotte römische Ruinen erwartet, wird sie nicht finden – die Höhle selbst besteht nur aus Wasser, Fels und Licht, ohne Statuen, Säulen oder Inschriften an Ort und Stelle. Was an römischen Zeugnissen erhalten ist, liegt verstreut: einige gemeißelte Nischen und eine mögliche Landeplattform, die Statuen im Museum von Anacapri sowie die Ruinen von Tiberius' Villen anderswo auf der Insel, die heute meist nur noch aus niedrigen Mauern und Fundamenten bestehen statt aus intakten Gebäuden. Die römische Geschichte der Grotte ist etwas, das man im Kopf mitbringt, nicht etwas, das man an den Felswänden sieht – wissenswert vor dem Besuch, denn am Eingang selbst erklärt nichts davon.
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